Brief eines alten Bekannten an die Gemeinde

Liebe Leserin,
lieber Leser,

wir kennen uns bestimmt und wenn sie mich sehen werden sie sagen: „ Ja, den kenne ich sogar  sehr gut!“. Gestatten sie, dass ich mich vorstelle. Mein kompletter Name ist Sebastian Tobias Ulrike Hier-Lang (auf den Bindestrich lege ich sehr viel wert). Bekannt bin ich eher unter meinen Initialen  S.T.U.H.L und da wir unter uns sind, können sie gerne die Punkte weglassen. Übrigens, meine Schwestern und Brüder haben alle dieselben Initialen obwohl sie doch unterschiedliche Namen haben. Es wäre jetzt sehr mühsam ihnen alle vorzustellen (vielleicht können sie sie ja auch erraten, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt), bleiben wir - wie bei mir - kurz bei Stuhl. Sehen sie, wir kennen uns. Und, wenn ich von mir rede, meine ich natürlich auch meine Schwestern und Brüder.

Seit vielen Jahrzehnten stehe ich ihnen gerne zur Verfügung und bin der Zeit schon mit vielen Är….  (Entschuldigung!),  Hinterteilen klar gekommen. Ab und an nutzt man mich auch als Leiterersatz, was ich nicht so toll finde und mit einem stöhnenden Knarzen beantworte. In meinen Kreisen geht es meistens rund oder ich stehe vor so einem rechteckigen Ding, der Tisch genannt wird.

Geboren bin ich nackt. Mein Oberkörper besteht aus lackiertem geschliffenem und anschließend poliertem Holz, mein Unterkörper aus lackiertem Metall.  Irgendwann war ich meinen Nutzern so zu kalt und sie haben mir ein gepolstertes Deckchen übergelegt, dass irgendjemand für mich (fast) passend genäht hat. Na ja, schick geht anders, aber wenn es wärmt und man mich so netter findet.

Mittlerweile sind die Jahre an mir nicht spurlos vorbei gegangen und auch ich bin nicht mehr immer in Form. Mein Unterkörper blättert ab, mein Oberkörper bekommt Risse und insgesamt werde ich von Tag zu Tag morscher. Wie heißt es bei euch Menschen immer das Sprichwort? „Der Lack ist ab“. Passt bei mir und wie!

Darum soll ich zum alten Eisen geschoben werden und junge fitte und vor allem schönere Namensvetter sollen meinen Job übernehmen. Natürlich soll auch der blöde Tisch, der mir immer die Sicht nimmt, passend ersetzt werden. Tja, und das kostet allerhand Geld.

Darum hat die Theatergruppe mit ihrem Kirchen-Kabarett bereits den ersten Aufschlag gemacht, um für meinen Ersatz zu sammeln. Andere Aktionen werden in der nächsten Zeit folgen und ich würde mich freuen, wenn sie bei Veranstaltungen mir einen Euro zustecken würden. Einfach auf das Kissen legen.  Vielen Dank!

Keine Angst, ich werde das überleben und als Spende irgendwo landen. Total aufregend für mich!

Herzlichst

Ihr alter Bekannter Sebastian Tobias Ulrike Hier-Lang (kurz: Stuhl)